Zwanzig Minuten von Santa Cruz beginnt eine andere Welt. Das Anaga-Gebirge, Teneriffas Nordostspitze, türmt zerklüftete Kämme auf, Täler, die senkrecht in den Atlantik stürzen, Weiler an Felswänden — und einen Lorbeerwald, der lange vor den Eiszeiten entstand und den man im Nebel der Passatwinde durchwandert. Die UNESCO erklärte das Massiv 2015 zum Biosphärenreservat, und es beansprucht eine der höchsten Dichten endemischer Arten Europas. Es ist der exakte Gegenpol zum Badesüden: keine Strandpromenaden, sondern Pfade, Aussichtspunkte und Dörfer, in denen die Zeit eine andere Dichte hat. Für deutsche Wanderer ist Anaga schlicht das schönste Revier der Insel — hier steht, wie man es richtig angeht, Genehmigung für den Bosque Encantado inklusive.
Ein Wald aus der Zeit vor den Eiszeiten
Anagas Lorbeerwald — die Laurisilva — ist ein Relikt: Dieser feuchte Subtropenwald bedeckte vor Millionen Jahren das Mittelmeerbecken, bevor die Eiszeiten ihn vom Kontinent tilgten. Überlebt hat er nur auf den Inseln Makaronesiens — Kanaren, Madeira, Azoren. Kanarische Lorbeerbäume, Baumheide hoch wie richtige Bäume, moosumhüllte Stämme, Flechten wie Bärte: Die Stimmung ist die eines Märchens, besonders wenn der Nebel einzieht — also oft. Der Mechanismus ist einfach und schön: Die Kämme fangen die Wolken der Passatwinde ab, und der Wald trinkt diese Feuchtigkeit das ganze Jahr. Praktisch heißt das für Wanderer: häufiger Nebel, möglicher Nieselregen, rutschige Pfade — selbst wenn Costa Adeje in der Sonne brät; unser Guide zur besten Reisezeit für Teneriffa erklärt diese Insel der parallelen Klimazonen.
Cruz del Carmen, das Eingangstor
Alles beginnt an der Cruz del Carmen, eine Viertelstunde von La Laguna auf der Kammstraße: ein Besucherzentrum des Parks, ein Mirador mit Blick über das Tal bis zum Teide an klaren Tagen, und der Start des Sinnespfads (Sendero de los Sentidos), einer kurzen, familienfreundlichen Runde durch den Lorbeerwald, teils barrierefrei, mit Stationen zu Klängen, Texturen und Düften des Waldes. In einer Stunde hat man das Maß des Ortes, Wanderkarten in der Hand — das Besucherzentrum kennt den realen Zustand der Wege, nach Regen Gold wert. Gute Nachricht für Reisende ohne Auto: Die Titsa-Linie 273 fährt vom Busbahnhof La Laguna hier herauf. Von der Cruz del Carmen fächern sich die großen Routen des Massivs auf, darunter der PR-TF 10 hinab zum Ozean.
Der Bosque Encantado: der Weg, den man sich verdienen muss
Der begehrteste Pfad Anagas heißt offiziell El Pijaral, und alle nennen ihn den Bosque Encantado — den verzauberten Wald. Er liegt in einem integralen Naturschutzgebiet und wird nur unter Auflagen betreten: kostenlose, personengebundene Genehmigung, Kontingent von 45 Personen pro Tag, Buchung auf der Plattform des Cabildo (centralreservas.tenerife.es oder die App Tenerife ON, ein Antrag deckt bis zu 5 Personen ab). Die Slots öffnen jeden Montag um 7 Uhr kanarischer Zeit für Termine 14 bis 56 Tage im Voraus — dasselbe Ritual wie für den Teide-Gipfel, und die Wochenendplätze sind schnell weg. Die digitale Genehmigung auf dem Handy genügt, mit Ausweis auf den Namen der Buchung; Wandern ohne Erlaubnis kostet 600 € Bußgeld, und kontrolliert wird tatsächlich. Die Belohnung: die Laurisilva in ihrer dichtesten Form — verdrehte Wurzeln, Nebel zwischen den Stämmen und plötzliche Fenster auf die Felsnadeln von Anaga. Sind die Slots vergriffen: kein Drama — der Rest des Massivs ist frei begehbar, und er ist großartig.
PR-TF 10: vom Kamm zum Ozean über Chinamada

Wenn nur eine Wanderung drin ist, dann diese. Der PR-TF 10 startet an der Cruz del Carmen und steigt durch alle Stockwerke des Massivs zum Ozean hinab. Erst Lorbeerwald, dann Terrassenfelder, schließlich Chinamada, ein Weiler auf einem Felsabsatz in rund 600 Metern Höhe: etwa dreißig in den Vulkantuff gegrabene, noch bewohnte Höhlenhäuser — weiße Fassaden vorn, kühle Felsräume dahinter. Das letzte Stück ist das spektakulärste: ein in die Klippe geschlagener Pfad, der nach Punta del Hidalgo hinabführt, die Nordküste die ganze Zeit unter sich. Einen guten halben Tag einplanen, am besten bergab; unten fahren die Linien 050 und 105 zurück Richtung La Laguna und Santa Cruz — eine der wenigen großen Wanderungen der Insel, die sich sauber mit öffentlichen Verkehrsmitteln schließen lässt.

Taganana und Benijo: der Hang, der in den Atlantik fällt

Jenseits des Kamms kippt die Straße am El Bailadero und windet sich in Serpentinen hinab nach Taganana, dem großen historischen Dorf des Nordhangs, umgeben von Weinterrassen, die charaktervolle Weiße und Rote hervorbringen. Darunter reiht die Küste Roque de las Bodegas und Almáciga auf, schwarze Sandstrände, die Surfer lieben, mit Fischterrassen direkt vor den Wellen — der Ozean ist hier kraftvoll und meist unbewacht: nah am Ufer baden, nie allein. Am Ende der Straße bietet der Aussichtspunkt über Benijo eine der wildesten Landschaften der Kanaren, Anagas schwarze Felsnadeln im Atlantik. Doch bevor Sie die Treppe hinabsteigen: Der Strand von Benijo selbst ist gesperrt — seit rund zwei Jahren wegen Steinschlaggefahr, und die Sicherungsarbeiten lagen im Sommer 2026 weiter auf Eis. Von oben bewundern, Punkt. Unser Strand-Guide für Teneriffa behandelt diese Küste und ihre Vorsichtsregeln. Ohne Auto verbindet die Linie 946 Santa Cruz über San Andrés mit Taganana und Almáciga.
Taborno und Chamorga: Weiler am Ende der Welt
Das dritte Gesicht Anagas sind seine Kammweiler, erreichbar über Straßen, die nie aufhören zu kurven. Taborno, eine Handvoll Häuser auf einem Sporn, blickt auf den Roque de Taborno, einen so sauber geschnittenen Felszahn, dass Wanderer ihn das „Matterhorn Teneriffas“ getauft haben; eine leichte Runde führt um ihn herum, Schwindel erregende Panoramen garantiert. Ganz am Ende des Massivs ist Chamorga das letzte Dorf vor dem Leuchtturm von Anaga — buchstäblich das Ende der Straße, wohin die Linie 947 von Santa Cruz über El Bailadero hinauffährt. Dazwischen reiht die Kammstraße ihre Miradore auf: Pico del Inglés über dem Wolkenmeer, Jardina mit Blick auf die Ebene von La Laguna. Keiner dieser Namen ist ein „Must-see“ im Prospektsinn, und genau das ist ihr Wert: Hier sieht man das ländliche kanarische Leben, wie es weitergeht — Gemüseterrassen und Hunde, die mitten auf der Straße schlafen. Langsam fahren, nur auf den markierten Plätzen parken — diese Weiler wurden nicht für unsere Autos gezeichnet.
Den Tag planen (oder die zwei Tage)
An einem Tag: morgens Cruz del Carmen und der Sinnespfad, Picknick an den Miradoren des Kamms, nachmittags Taganana und der Aussichtspunkt von Benijo — die klassische Runde, herrlich und ohne Hetze. An zwei Tagen: den PR-TF 10 bis Punta del Hidalgo dazunehmen, und den Bosque Encantado, falls Sie an einem Montagmorgen eine Genehmigung ergattert haben. Drei Insider-Reflexe zum Schluss. Erstens: früh starten — das Licht ist schöner, die Straßen leer, der Nebel vor Mittag oft gnädiger. Zweitens: den Himmel nach Hängen lesen, nicht für die ganze Insel; ist der Kamm zu, kann die Küste von Taganana in der Sonne liegen — und umgekehrt. Drittens: richtige Schuhe, eine warme Schicht und Wasser — Anagas Berge sind niedrig, aber fordernd, und Hilfe ist weit. Anaga verbindet sich natürlich mit La Laguna, der alten Hauptstadt und UNESCO-Welterbestätte, eine Viertelstunde von der Cruz del Carmen: Tag 7 unserer einwöchigen Teneriffa-Rundreise vermählt beide genau so, und unser Guide Teneriffas Sehenswürdigkeiten ordnet das Massiv unter die unverzichtbaren Orte der Insel ein.
